1. Zukunftsdialog Schwein

Wie sieht die Schweinehaltung der Zukunft aus?

Die Ansprüche an die Agrarwirtschaft sind hoch. Welche Art der Schweinehaltung fordern Verbraucher? Welche Rahmenbedingungen für eine wettbewerbsfähige Schweineproduktion in Deutschland kann und will die Agrarpolitik setzen? Über diese und weitere Spannungsfelder diskutierten hochrangige Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft im Rahmen des „Sano Zukunftsdialog Schwein“ am 04. April 2017 in Frankfurt am Main.

Die Ansprüche an den Agrar- und Ernährungssektor sind hoch. Tiergesundheit und Tierwohl stehen mehr denn je im Fokus. Die Landwirtschaft, insbesondere die Schweinehaltung, ist anhaltender Kritik von Verbraucherseite ausgesetzt und ein Auf und Ab bei den Preisen stellt die Landwirte vor zusätzliche Herausforderungen.

Muss sich in der Landwirtschaft substanziell etwas ändern und wenn ja, was? Welche Rahmenbedingungen für eine wettbewerbsfähige Schweinehaltung in Deutschland kann und will die Agrarpolitik setzen? Wie werden sich die Tierzahlen mittel- und langfristig bewegen? Welche Anforderungen werden dabei an Genetik und Fütterung gestellt? Und vor allem: Was sollten Landwirte wissen und welche Wege sind für sie umsetzbar?

Über diese und weitere drängenden Fragen diskutierten hochrangige Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft im Rahmen des „1. Zukunftsdialog Schwein“ am 04. April 2017 in Frankfurt am Main. Um die regionalen Strukturunterschiede praxisnah abbilden zu können, waren Schweine-Experten aus dem gesamten Bundesgebiet vertreten: Dr. Albert Hortmann-Scholten, Leiter Fachbereich Betriebswirtschaft und Markt bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Hansjörg Schrade, Leiter der Landesanstalt für Schweinezucht in Boxberg, Baden-Württemberg, Stefan Leuer, Referent für Veredelung in der Schweineproduktion bei der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, Wilfried Brede vom Serviceteam Alsfeld GmbH, Hessen, sowie Dr. Manfred Weber von der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau (LLG) Iden in Sachsen-Anhalt. Moderiert wurde der Zukunftsdialog Schwein von Sven Häuser, Bereichsleiter Schwein im DLG Fachzentrum Landwirtschaft.

Die Spannbreite der Themen reichte von der Entwicklung der Tierzahlen und Preise über die Kastration der Eber bis hin zu Trends in der Schweinefütterung.

Status quo und Trends in der Schweinehaltung in Deutschland
Perspektiven für die Schweinehaltung in Deutschland und Europa gab Dr. Albert Hortmann-Scholten, Bereichsleiter in der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, auf: „Die Schweinepreise haben sich aktuell deutlich entspannt – über 40 % höhere Preise im Vergleich zum Vorjahresniveau.“ Hortmann-Scholten, der im Auftrag der Landwirtschaftskammer jede Woche auch die Schweinepreis-Empfehlung gibt, sieht den Trend über längere Zeit anhalten: „Auch über den Sommer werden sich diese Preise festigen.“

Dennoch zeichne sich laut Hortmann-Scholten und Leuer der Trend ab, dass die Tierzahlen in Deutschland insgesamt zurückgehen. Die Ferkelproduktion werde weiter abnehmen. Der Selbstversorgungsgrad sinke. Der Grund: „Deutschland ist ein Hochpreisstandort. Die Ferkel- aber auch generell die Schweineproduktion wandert aktuell in andere Standorte ab, in denen es sich günstiger produzieren lässt“, so Hortmann-Scholten. Die Abwanderung in Gunststandorte müsse verhindert werden, forderte der Agrarexperte.

Kritiker sagen oft, dass der Selbstversorgungsgrad in Deutschland bei über 100 % liege. „Das stimmt auch auf den ersten Blick“, weiß Hortmann-Scholten, „dennoch ist es hier differenzierter zu sehen: In Deutschland gibt es keinen Markt für Ohren oder Füße von Schweinen. Dafür finden wir in China einen großen Abnehmer.“ Die Nachfrage nach mageren Teilstücken, wie Kotelett und Schinken sei laut Experte in Deutschland sehr hoch. Betrachte man diesen Selbstversorgungsgrad, läge er deutlich unter 100 %. Der internationale Markt bleibt für die deutschen Schweineproduzenten daher weiterhin wichtig: Die Nachfrage in China boomt, gleichzeitig geht die eigene chinesische Schweineproduktion zurück.

Was fordert der Verbraucher im Bereich der Schweinehaltung und was der Bürger?
Neben den Markteinflüssen spielt auch die Verbraucherseite eine zentrale Rolle. Tierschutz und Tiergesundheit stehen weiterhin im Fokus der Gesellschaft. Die Gesellschaft wiederum wirkt auf den Lebensmitteleinzelhandel und Gesetzgeber ein. Die Interessen des Verbrauchers stehen jedoch, laut Hansjörg Schrade von der Landesanstalt für Schweinzucht in Boxberg, nicht im Einklang. Der Bürger fordert Nachhaltigkeit, Tier- und Umweltschutz. Die Investitionen in verbesserte Haltungsbedingungen gehen mit einer Kostenerhöhung bei den Landwirten und einer Preissteigerung der Güter beim Verbraucher einher. „Doch die höheren Preise will keiner bezahlen“, so Schrade. Für viele Deutsche klinge es verheißungsvoll, Fleisch von Tieren aus artgerechter und besserer Haltung zu kaufen. Laut Umfragen sind 80 % der Deutschen bereit, dafür mehr Geld auszugeben. Doch die Realität sähe laut Hortmann-Scholten anders aus: „Diese Produkte werden nicht gekauft“. Das lässt auf die Vermutung schließen, dass die Verbraucher zwar in Meinungsumfragen angeben, bereit sind, höhere Preise zu bezahlen. „Doch an der Ladentheke kauft man doch wieder die Sonderangebote“, bringt es Ludger Eiting, Sano Vertriebsleiter Europa, auf den Punkt. Als Beispiel nannte Dr. Albert Hortmann-Scholten das „Beter Leven Programm“ in den Niederlanden. Hier nehmen die drei größten Einzelhandelsketten an der Initiative teil. „Doch die Bauern bleiben auf ihren Label-Produkten sitzen. Der Grund: der Preis. “

In diesem Zusammenhang wies Dr. Albert Hortmann-Scholten auf einen Zielkonflikt hin: „Unter Gesichtspunkten des Tierschutzes ist es besser, nicht kastrierte Eber zu mästen. Aber das steht im Widerspruch zu gesellschaftlichen Forderungen in Sachen Produktqualität.“

Die Eberkastration ist derzeit ein viel diskutiertes Thema. So auch auf dem Zukunftsdialog Schwein.

Eberkastration – was ist die Lösung?
Mit dem Einsetzen der Geschlechtsreife im Alter von etwa fünf Monaten entwickelt sich bei männlichen Schweinen ein Geruch, der von Verbrauchern häufig als unangenehm empfunden wird. Durch die Kastration der männlichen Ferkel kann die Bildung des Ebergeruchs weitgehend verhindert werden. Ab 2019 ist die Kastration ohne Schmerzausschaltung in Deutschland verboten. Das bedeute für den Landwirt: höhere Tierarzt-Kosten, höherer Zeitaufwand. Eine unkomplizierte und kostengünstige Methode zur schmerzfreien Kastration ist daher dringend gesucht. Im ökologischen Bereich werden als alternative zur Kastration Immunoimpfungen empfohlen. Diese seien jedoch nicht effizient und wirkungsvoll, sind sich die Experten des Zukunftsdialogs einig. „Außerdem gehen mit der Impfung Einbußen in der Produktqualität einher“, erläutert Hansjörg Schrade, Leiter des Bildungs- und Wissenszentrum Boxberg. Bei geimpften Ebern sei der Anteil an ungesättigten Fettsäuren sehr hoch, so Schrade weiter. Ansonsten bestehe nach Meinung von Hansjörg Schrade aktuell keine wirkliche Alternative. „Es gebe zwar Versuche zu weiteren Produkten für die schmerzfreie Kastration“, so Hortmann-Scholten, „diese müssen jedoch erst von den zuständigen Behörden zugelassen werden“. Ohnehin sei nach Dr. Albert Hortmann-Scholten die Nachfrage nach Eberfleisch gering. Die Experten fordern daher von der Politik, klare Vorgaben zu machen und alternative Methoden zügig zuzulassen.

Wie sieht der Stall der Zukunft aus und welche Tiere werden darin gehalten?
Im weiteren Verlauf des Tages widmete sich Wilfried Brede vom Serviceteam Alsfeld, Hessen, in seinem Vortrag dem Stall der Zukunft. Bisher spielte demnach ein System für Tiere, das kosten- und arbeitsoptimiert ist, die Individualisierung sowie die Arbeitsqualität für Betreiber und Mitarbeiter eine zentrale Rolle. „Und diese Faktoren werden auch in Zukunft wichtig bleiben“, so Brede weiter. Im Stall der Zukunft werde außerdem ein noch stärkerer Fokus auf Tiergesundheit und Hygieneaspekte gelegt. „Das Verbot der Kastenstände ist beschlossen. Eine Lösung dafür könnte die Gruppenbildung nach dem Absetzen im Deckzentrum sein“, blickte Wilfried Brede in die Zukunft. Im Abferkelstall werde es Bewegungsbuchten mit Fixiermöglichkeiten geben, so Brede weiter. Außerdem sorgen gekühlte Ställe für ein größeres Wohlbefinden bei den Tieren. „Wichtig ist aber immer: Es muss sich rechnen“, gab der Stallbauexperte vor.

In den Stall der Zukunft stellte Wilfried Brede sogleich die „Schweine der Zukunft“. „Bei den Ferkeln und Mastschweinen hat es über die letzten zehn Jahre eine enorme Leistungssteigerung gegeben“, erläuterte Brede und betonte ferner: „Das erfordert aber von Landwirten und Herstellern ein Handeln für mehr Tierschutz und Gesundheit.“ Für Brede ist dabei das Zusammenspiel von allen Faktoren (Management, Haltung, Hygiene, Gesundheit, Genetik, Fütterung) der Schlüssel zum Erfolg. Er forderte ein aktives Handeln von allen Beteiligten: Man brauche eine verlässliche Grundlage, um die Zukunft der Schweineproduktion zu gestalten. Dabei solle man sich nicht immer auf das verlassen, was von anderen vorgesetzt wird. „Sondern es ist an der Zeit, dass wir selbst aktiv werden und ein Konzeptpapier entwickeln: ,Wie stellen wir uns die Tierhaltung künftig vor‘. Lasst uns Verantwortung übernehmen!“ schloss Brede mit einem Appell an alle Beteiligte in der Agrarwirtschaft.

Die Fütterung der Zukunft
Ein Kernthema im Bereich der Schweinefütterung wird laut Dr. Manfred Weber von der LLG Iden auch künftig die Stickstoff (N) und Phosphor (P) reduzierte Fütterung sein. „Die neue Düngeverordnung erfordert ein verbessertes Nährstoffmanagement vom Landwirt“, lässt Weber die Teilnehmer wissen. Ziel ist es, dass das Schwein die eingesetzten Inhaltsstoffe optimal aufnehmen und verwenden könne. Auf die Frage, wie groß die Nachfrage nach N- und P-reduzierter Fütterung sei, werteten die Schweine-Experten, dass es aktuell regional noch sehr unterschiedlich sei. Während in Bayern, Baden-Württemberg und Österreich das Thema derzeit noch kaum eine Rolle spiele, sehe es in den Intensivgebieten wie Cloppenburg und Vechta ganz anders aus. Einig ist man sich jedoch: Sobald die neue Düngeverordnung greift, ist die Nährstoff reduzierte Fütterung für alle Landwirte von großer Bedeutung. „Beim Einsatz von fermentiertem Futter kann zusätzlich die N- und P-Effizienz unterstützt werden“, empfahl Dr. Manfred Weber.

Neben der N- und P-reduzierten Fütterung ist auch das GVO-freie Soja weiterhin von großer Bedeutung. Derzeit stehen laut Dr. Manfred Weber von der LLG Iden, nur sieben Millionen Tonnen GVO-freies Soja zur Verfügung. Der Bedarf liege jedoch um ein Vielfaches höher. Daher ist man fieberhaft auf der Suche nach Alternativen. Rapsextraktionsschrot und Körnerleguminosen wie Erben, Lupinen und Ackerbohnen werden in diesem Zusammenhang häufig genannt. „Als wirklichen Ersatz konnten sich diese jedoch noch nicht durchsetzen“, erklärte Weber. „Denn auch die Verfügbarkeit von Rapsextraktionsschrot ist endlich.“ Man sei abhängig von den politischen Rahmenbedingungen bei der Biodiesel-Produktion. Weitere alternative Futtermittel mit einem hohen Eiweißanteil seien zum Beispiel Insekten sowie Algen. „Doch auch diese haben sich aus produktionstechnischen oder Kostengründen noch nicht durchgesetzt“, Weber weiter.

Der „1. Zukunftsdialog Schwein“ von Sano gab die Initialzündung für weitere Schritte und Projekte, die nun ins Leben gerufen werden. Zielsetzung des Austausches war es, Trends zu erkennen und zukunftsfähige Lösungen für eine nachhaltige und akzeptierte Schweineproduktion in Deutschland zu entwickeln. Landwirte und Kunden profitieren von diesem Austausch bzw. Wissenstransfer und erhalten so Fütterungskonzepte und Beratung am Puls der Zeit. Dabei ist es wichtig, auch die Praxis mit einzubinden. Deshalb findet in Kürze der "1. Sano Zukunftsdialog Schwein Praxis" statt, bei dem Landwirte den Weg mitgestalten.  

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